Aktuell

Stadtmagazin SAX

Musik aus dem unerschöpflichen Weltweitfüllhorn

Seamus Fogarty & Band

Bei "Short Ballad For A Long Man", dem Eröffnungssong seines Albums "The Curious Hand" reibt sich der geneigte Hörer verdutzt das Ohr. Ist das Irish Folk? Die ersten Takte jedenfalls, danach zündet ein regelrechtes Feuerwerk an Ideen. Und das Beste daran, das geht so weiter. Jeder Nachfolgesongs ist sensationell anders, und die Songs der jüngsten EP "The Old Suit" sind es ebenso. Irgendwie irisch, darüber hinaus aber von einem verblüffenden Facettenreichtum.

Ein Interview mit Seamus Fogarty in SAX 2/19

 

SWR2 Musikpassagen

Rückkehr ins Licht

 

Der Singer/Songwriter Gisbert zu Knyphausen

Ein Grübler, der schwerer an der Welt trägt als der Durchschnitt, jedoch zutiefst poetisch und einfühlsam sein kann, ohne verkitscht oder überzogen intellektuell zu wirken. So oder so ähnlich äußern sich Kritikerkollegen, wenn Gisbert zu Knyphausen zur Expertise ansteht. Das jüngste Album des Nachfahren eines europäischen Adelsgeschlechts heißt "Das Licht der Welt" und verarbeitet sowohl den Tod seines Hamburger Musikerfreundes Nils Koppruch als auch einen Besuch in Teheran, Hauptstadt des Iran.

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Beiträge

Rezensionen

Und ausserdem

Jody Williams

1935 – 2018

 

Ein Interview von anderthalb Stunden mit Jody Williams 2005 in Chicago sollte ausreichen, um einen Eindruck zu bekommen, welches Ausmaß geistiger Diebstahl und Betrug im Musikgeschäft teilweise haben können. Sein "Love Is Strange" zum Beispiel, geschrieben gemeinsam mit Bo Diddley für Bo Diddley, von Bo Diddley jedoch an Mickey & Sylvia verkauft, mit einem Extrabonus von 2000$, dass Bo Diddley Jody Williams nicht über den Verkauf informiert. Als der Streit um die wahre Urheberschaft vor Gericht geht, wird es richtig fies, berichtete Jody Williams. "Man brachte mich ins Büro des Richters, von der Verhandlung bekam ich überhaupt nichts mit. Nach einer Stunde wurde ich zu meiner Zeugenaussage geholt. Der Gerichtssaal gut gefüllt und zu meiner Überraschung sind Geschworene anwesend. Ein Musikdetektiv nahm sich meinen Song vor. Ich wurde in den Zeugenstand gerufen und danach wieder ins Hinterzimmer geschickt. Nach der Verhandlung sagte mir meine Anwältin Gene Goodman, die Chancen stünden Fifty-Fifty." Wenige Tage später wird Jody Williams von Chess Records, seinem Label damals mitgeteilt, der Prozess sei für ihn verloren. Noch etwas später stellt sich raus, dass Chess Records und RCA, das Label von Mickey & Sylvia unter der Hand ausgehandelt hatten, Bo Diddley sowie Mickey & Sylvia als Urheber einzutragen und die Tantiemen unter sich aufzuteilen. Jody Williams geht leer aus. Entnervt wirft er hin, studiert Elektronik und wird Servicetechniker bei Xerox. Anfang der Nullerjahre dann ein kurzes, aber grandioses Comeback mit den Alben "Return Of A Legend" und "You Left Me In The Dark".

Am 1. Dezember 2018 starb Jody Williams im Alter von dreiundachtzig Jahren an Krebs. Ein Großteil seiner Einspielungen als Mitstreiter von Bo Diddley oder Howlin' Wolf sowie frühe eigene Stücke wurden jüngst auf "In Session 1954-62" zusammengefasst, darunter sein berühmtes Instrumental "Lucky You".

Tony Joe White

1943 – 2018

Mit „Polk Salad Annie“ schuf Tony Joe White 1967 ein echtes Kuriosum. Seit Ewigkeiten wird der Song falsch geschrieben und falsch verstanden. Eine der falschen Schreibweisen legt nahe, dass die Annie aus der Songüberschrift einen Salat mit Schweinefleischbeilage verspeist. Tatsächlich geht es um eine Armeleutemahlzeit der amerikanischen Südstaaten aus Blättern und Beeren des Pokeweed-Strauches. Geboren 1943 auf einer Baumwollplantage am Mississippi River unweit von Oak Grove, Louisiana kannte Tony Joe White sich aus mit dem Gewächs. „Viele meiner Songs sind real, die Landschaft, die Sümpfe, die Menschen“, erzählte er 2011 bei einem Interviewtermin Hamburg. „Jeder bei uns aß Pokeweedsalat, jedes Frühjahr, das wuchs wild. Meine Mutter, eine halbe Cherokeeindianerin, gab jede Menge Kräuter dazu, wenn sie das zubereitete. Maisbrot, Pokesalat, Eistee, das war eine Mahlzeit. Viele sagen Pork Salad, aber das hat nichts mit Pork, mit Schweinefleisch zu tun. Zwei Schreibweisen sind richtig. P-o-l-k, so schrieb es meine Mutter, ihre Schreibweise übernahm ich. Korrekt ist P-o-k-e, was auch ein Sack sein kann, den man sich über die Schulter wirft. Zu Hippiezeiten kamen ständig Leute hinter die Bühne und brachten dicke Packen Gras an. Sie sagten, hey, etwas Poke. Sie dachten, es ginge um Marihuana. Ich, nein, das ist kein Poke, das kann man nicht essen! Wir spielten den Song damals schon eine Weile bei Klubauftritten in Texas und anderswo. Das Publikum erfand einen eigenen Tanz. Sie krochen über den Boden wie Alligatoren, Männer wie Frauen. Das hatten sie drauf!“

Tony Joe White starb am 24. Oktober 2018 in Leiper’s Fork, Tennessee an einem Herzinfarkt. „Bad Mouthin’“ heißt sein wenige Wochen zuvor veröffentlichtes letztes Album.